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Interview mit Mario Vargas Llosa

Interview mit Nobelpreisträger und Autor des heurigen Buches zur Aktion „Eine Stadt Ein Buch“. Geführt im Hotel Sacher in Salzburg:

Wer den Nobelpreis bekommt, braucht ein gutes Zeit-Management“, scherzt Mario Vargas Llosa: „Aber ich werde meine Zeit fürs Schreiben verteidigen!“ Die Übung scheint gelungen. Soeben ist ein neuer Roman („Der Traum des Kelten“) erschienen, und Zeit zum Besuch der Salzburger Festspiele blieb auch noch. Auf Wien freut sich der Starautor, der bisher zweimal nur sehr kurz in der Stadt war, aber besonders. 100.000 Exemplare seines Romans „Der Geschichtenerzähler“, in dem es um ein Indianervolk am Amazonas geht, werden ab 18. Oktober gratis in Wiener Buchhandlungen, Büchereien und Volkshochschulen aufliegen (siehe Seite 98). Am Abend des 18. Oktobers wird Llosa in der Fernwärme Wien mit Ö1-Redakteur Michael Kerbler („Im Gespräch“) über seine Arbeit diskutieren. Wir trafen den Autor Ende August in Salzburg im Hotel Sacher zum Interview.

 

Herr Llosa, wie kam es zur Idee, ein Buch über den Geschichtenerzähler eines Indianerstammes zu schreiben?

Ich fand den Stoff zum Buch, weil ich dieses Linguistenehepaar, das auch im Roman vorkommt, tatsächlich getroffen habe. Die beiden arbeiteten gleichzeitig auch als Missionare, und sie erzählten mir von einem Geschichtenerzähler, der von Dorf zu Dorf geht und den Indianern ihre Mythen und Legenden überliefert. Ich war sehr beeindruckt, weil ich davon noch nie gehört hatte und begann, über die Machiguengas zu recherchieren …

 

Aber niemand konnte Ihnen Genaueres erzählen?

Niemand wollte mir etwas erzählen, denn die Machiguengas betrachteten das als ihr ganz persönliches Geheimnis. Ich glaube, sie sehen das als das Archiv ihrer gemeinsamen Geschichte – es gibt kaum Berichte von Ethnologen darüber. Ich habe daher viel eigene Einbildungskraft benötigt, um diese Geschichte zu erzählen. Dieser Roman ist eine sehr freie Interpretation der Machiguenga-Mythen.

 

Der Erzähler im Roman macht eine Fernsehshow, ist das autobiografisch?

Ja, diese TV-Show gab es genau sechs Monate lang. Das war eine wichtige Erfahrung für mich, denn ich wollte beweisen, dass Kultur im Fernsehen nicht immer langweilig sein muss, sondern auch eine unterhaltsame Sache sein kann. Wir hatten fast keine Infrastruktur, aber ich habe gelernt, was dieses Medium für eine enorme Wirkung hat. Bücher erreichen ja weit weniger Öffentlichkeit, dafür hält ihr Einfluss aber auch länger. Fernsehen ist sehr intensiv, doch sehr kurzlebig.

 

Gab es für die zweite Hauptperson neben dem Erzähler, Saul – den Studienkollegen, der zum Geschichtenerzähler der Machiguengas wird –, ein Vorbild?

Nein, er ist reine Erfindung. Ich wollte die Geschichte einer kleinen Minderheit erzählen, wie sie eben die jüdische Gemeinschaft in Peru ist. Und ein Vertreter dieser Minderheit ist fasziniert von einer anderen Minderheit – den Amazonasindianern. Die Idee des Romans ist der Übertritt von einer Minderheit in eine andere.

 

Klingt, als wäre dieser Roman ein sehr persönliches Buch?

Ja, es ist ein sehr persönliches Buch, ein persönliches Abenteuer, eine Erkundung innerhalb einer sehr kleinen Minderheit. Die Machiguengas lebten sehr isoliert. Das ist jetzt leider anders, denn sie waren sehr gefährdet durch die Guerillas des „Leuchtenden Pfads“. Leider waren die Machiguengas mitten im Kampfgebiet zwischen Armee und Terroristen. Niemand weiß, wie viele von ihnen in diesem Krieg, den sie nie verstanden haben, umgekommen sind. Und seit ein paar Jahren sind sie massiv durch die Kokain-Industrie bedroht. Es ist eine Tragödie.

 

Im Roman geht es um mündliche Überlieferung. Ein wichtiger Aspekt Ihrer schriftstellerischen Arbeit?

Ganz bestimmt, denn anhand der Geschichte der Machiguengas habe ich entdeckt, wie wichtig Literatur und das Erzählen für ein Volk sein können. Für die Machiguengas ist es die einzige Möglichkeit zu erfahren, dass sie eine Gemeinschaft sind. Das Geschichtenerzählen ist die einzige Verbindung zu ihrer Vergangenheit – zu ihren Mythen. Deswegen wollen sie Fremden nichts daüber erzählen. Denn dabei geht es um das Intimste, was sie besitzen, ihre eigene Identität.

 

In Ihrem neuen Buch „Der Traum des Kelten“ geht es um Roger Casemant – eine historische Figur, einen Iren, der die Verbrechen der Kautschukgewinnung im Kongo und in Peru aufgedeckt hat. Warum ist er so wenig bekannt?

Ja, das ist seltsam. Jeder kennt Joseph Conrad, der nur ein paar Monate im Kongo war, während Casement 20 Jahre dort gelebt hat. Sogar in Kinshasa, wo ich für mein Buch recherchierte, ist er unbekannt. Ich fand nur einen einzigen Uni-Professor, der über ihn Bescheid wusste.

 

Ihr Buch wirkt pessimistisch, Casement ist als Homosexueller & irischer Nationalist eine gespaltene Persönlichkeit …

Sicher, in einer gewissen Weise ist Casements Charakter tragisch. Aber andererseits hatte er ein erfülltes Leben. Er hat mitgeholfen, die wahre Natur des Kolonialismus zu entlarven und unsere Vorstellung von primitiven Kulturen zu verändern. Dabei war er ein Pionier.

 

Sind Sie optimistisch, was unsere Zukunft betrifft?

Ich halte mich an Karl Popper, der kurz vor seinem Tod gemeint hat: Ja, es gebe viele Gründe für Pessimismus. Aber auf der anderen Seite haben wir heute so viele Mittel gegen die Dämonen Hunger, Armut, Krankheit, Ausbeutung und Diktaturen wie noch nie zuvor.